"Baustelle" Hund - Vom Umgang und Leben (lernen) mit einem "gebrauchten" Hund.
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Wir vergessen allzu gerne, dass wir nicht jedes hundliche Verhalten mit Erziehung und Training beeinflussen können.
In jedem unserer Hunde ist ein guter Anteil vererbtes Verhalten, das genetisch bedingt und fest verankert ist.
(aus: Verstehen Sie Hund? von Martina Braun)


Panda

Panda, in Vorfreude auf sein Futterbeutelspiel
Meine beste Freundin Manuela rief mich an, im örtlichen Tierheim gäbe es große Probleme, weil die bislang Verantwortlichen über Nacht das Handtuch geworfen hätten und nun zig Tiere vor einer komplett ungewissen Zukunft stünden.

Da man nicht wusste, ob und wie es weiter ginge, ob das Heim womöglich geschlossen wird und die zurück gelassenen Tiere in die Tötung kämen, waren die ebenfalls zurück gebliebenen Mitarbeiter nun bemüht, so viele Tiere wie möglich in andere, zuverlässige Tierheime sowie Pflege- oder Endstellen unterzubringen. Ob ich helfen könnte?

Aufgrund immer wieder negativer Erfahrung mit Personen im (Auslands)Tierschutz, zögerte ich erst, mich einzubringen - außer Manuela kannte ich niemanden von dort persönlich und über eine lange Zeit. Da ich aber mit Manuela schon über 10 Jahre befreundet bin, wusste ich, dass ich zumindest ihr blind vertrauen konnte.

Ich warf einen Blick über die soweit vorgestellten Vermittlungshunde, um zu sehen, ob einer dabei wäre, der (vorübergehend) zu Gino passen würde und erklärte ihr dann: "Gib mir Trino zur Pflege." So hieß Panda noch in Spanien, aber um hier keine Missverständnisse aufkommen zu lassen (Gino - Trino) wurde er zweckmäßig umgetauft.


Plus-Minus 2006 irgendwo in Spanien geboren, wurde Panda im Oktober 2009 auf der Straße aufgegriffen.

Wie man mir erzählte, wurde der Zwerg ein paar Tage auf der Straße beobachtet, wie er streunend an Mülltonnen nach Futter suchte.

Fragen, wohin er gehörte, konnten nicht eindeutig beantwortet werden. Eine Frau gab an, dass irgendwann ein Auto in der Gegend aufgetaucht war, das Auto verschwand und Panda war da.

Eine Hornhautverletzung im linken Auge brachte er als "Souvenir von der Straße" mit, welche zwar nicht vollständig, aber annähernd behoben werden konnte; auch die Harderschen Drüsen mussten operiert werden, weil die Augen ständig tränten.

In der Vermittlung wurde er als sehr lieber und freundlicher Hund, der ein gemütlicher Vertreter ist und keine Aggressionen ggü Menschen oder Hunde zeigt beschrieben. - Eine äußerst nette und blenderische Beschreibung für ein wahrlich traumatisiertes Häufchen Elend, das beim leisesten Knarzen von Holz zusammen zuckte und vor jeder großen, dunkel gekleideten, hellhaarigen Person panisch in Deckung ging.

Als ich Panda einige Woche nach diesem Telefonat schließlich entgegen nahm, hätte ich im Traum nicht daran zu denken gewagt, was aus diesem kleinen Kerl eines Tages werden würde: ein interessiertes, aufgeschlossenes, wirklich freundliches Fell ... solange, wie ich, Manuela oder Menschen, die er in unserer Anwesenheit positiv kennen gelernt hat, in seiner Nähe sind.

Neuem steht er immer noch skeptisch und vorsichtig gegenüber, was aber absolut in Ordnung ist.

Nicht jeder - weder Mensch, noch Tier - muss immer Alles gleich "ganz toll" finden, womit er konfrontiert wird. Auch was den Umgang mit Artgenossen angeht, ist Panda etwas speziell: grundsätzlich ist er dem Kontakt nicht abgeneigt, aber wenn er es sich aussuchen kann, ist er lieber für sich oder in direkter Nähe zu mir und Gino. Das ist seine kleine, heile Welt.


Der Plan, dass Panda von mir zu einem möglichst lebensfrohen Hund gemacht und dann zur Vermittlung frei gegeben wird, ging leider nicht ganz auf: während ich über wochenlanges Training Stück für Stück sein Vertrauen in mich gewinnen sowie sein Selbstbewusstsein aufbauen konnte und er sich dem Umfeld gegenüber ebenfalls annähernd öffnete, mutierte er bspw. bei den Vorbereitungen für eine CT-Untersuchung "hinter den Kulissen" der Tierklinik zum Teufel, sodass er seitdem - wenn er in Narkose gelegt werden muss - ausschließlich in meiner und / oder Manuelas Anwesenheit die Spritze erhält, im Arm einschlafen und auch wieder zu sich kommen darf.

Panda ist ein äußerst futtergeiler Zwerg, der sich Anfangs Alles (!!) klaute, woran er nur annähernd gelangen konnte.

Hatte er etwas erwischt, war es ein Ding der Unmöglichkeit, es ihm "mal eben so" wieder abzunehmen. Weder Strenge noch Engelszungen fruchteten und über den sonst immer funktionierenden Lefzengriff lächelt Panda nur müde: seine Kieferkraft gleicht der von 10 Bullterriern und seine kampfentschlossene Mimik besiegelt den Rest. Beim Versuch ihm bspw. ein Ferrero Küsschen abzunehmen, geriet einer meiner Finger genau am Gelenk zwischen seine spitzen Zähne, dass ich dachte: der ist ab!

Dennoch: auch das freiwillige Hergeben bekam ich irgendwann Dank des guten, alten Futterbeutels brauchbar unter Kontrolle.

Besonders faszinierend und amüsant zugleich finde ich bei Panda, dass und wie er seine Mimik von "aber ich bin doch ein so armer, kleiner Hund" zu einem höchst vorwurfsvollen "muss denn das wirklich schon wieder sein?!"-Schulterblick verändert. Absolut zum Brüllen!

Nicht nur aufgrund seiner "zwei Persönlichkeiten", auch wegen einer Magenkrankheit, gaben wir es irgendwann auf, ihm gezielt ein neues Zuhause zu suchen. Der Zwerg gehört meiner Freundin Manuela, verbringt aber aufgrund ihrer beruflichen Situation immer wieder Zeit bei mir.

Panda misst 27cm an der Schulter und trägt ca. 10kg mit sich rum.
 

 

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