Sancho

Manche Menschen behandeln ihre Hunde wie schlaue Menschen, andere wie besonders dusslige Kinder. Sie sind weder das eine noch das andere! (aus: Hundeverstand von John Bradshaw)


Das Bild lässt es bereits erahnen: ein weiterer, toller Hund am gänzlich falschen Platz und es war nur Sanchos weichem Wesen zu verdanken, dass sich der fehlende Sachverstand nicht rächte, sondern den Hund „nur“ zur Manipuliation und Kontrolle seines Menschen verleitete.

Sancho lernte ich kennen, als ich ein WG-Zimmer bei einer augenscheinlich jung gebliebenen Ü60-Dame bezog; dass diese psychisch nicht ganz rund lief, ließ sich anfangs nicht erkennen. Während ich (eigentlich) dabei war, mein bisheriges Leben in Deutschland materiell herunter zu fahren, um in naher Zukunft auswandern zu können, witterte „Madame“ die Gelegenheit, ihren tollen Hund versorgt zu wissen.

Fakt war: Ähnlich wie mein Gino 1 mich, nahm Sancho seinen Mensch nicht die Bohne für voll! War sie abwesend, rebellierte er in der Vergangenheit mit vehementem Bellen (Rückrufbefehl seines Eigentums), was ihm – auf Anraten einer ebenso inkompetenten Tierärztin im Haus – Sanktionen durch ein Sprühhalsband mit Zitrone einbrachte.

Hinweis: Statt einem Hund nur Meideverhalten (bell‘ nicht, sonst …) aufzuerlegen, empfiehlt es sich, ihm Alternativen zu bieten (statt bellen, könntest du bzw. wir …). Dies bedeutet allerdings wiederum, sich in jeder zur Verfügung stehenden, freien Zeit mit dem Hund zu beschäftigen, ihn speziesgerecht auslasten. – Nicht selten hat der (optisch attraktive) Hund an der Seite eines – oberflächlichen – Menschen einzig als Prestige- bzw. Imageobjekt zu fungieren.

Ein Mensch steht wie bestellt und nicht abgeholt, meterweit entfernt am Feldrand, während sich der andere Zweibeiner und drei Kaniden der gemeinsamen „Jagd“ widmen.

Bei Sancho war es ähnlich gelagert: nach der Trennung ihres langjährigen Partners, der etwa ein Jahr nach der Hochzeit von ihr (aus „unerklärlichen“ Gründen) genug zu haben schien, diente der Hund seiner Besitzerin als „Anker“. Mit absolutem Mindestmaß an Erziehung und Gehorsam eines Freigeistes, war: Glück gehabt, dass nie mehr passiert! das Lebensmotto der Beiden.

Desweiteren trug Sancho Tag und Nacht ein und dasselbe Geschirr, welches derart stank, dass es sich kaum mit Worten beschreiben läßt. – So sei es einfacher mit ihm rauszugehen, man müsse sich nicht abmühen, es ständig aus- bzw. anzuziehen und sich die Fingernägel abzubrechen.

Kaum waren wir fest eingezogen, verbannte ich das Sprühhalsband und siehe da: ging ich aus der Wohnung, gab es keinen Terz. Ging sein Mensch weg, fuhr er hoch. Es schien sich zudem von selbst zu verstehen, dass ich Sancho, wann ich immer ich mit meinen Vierpfötern auf Tour ging, mitnahm.

Leider gestaltete sich dies nicht so entspannt, wie ich es gewohnt war: Sancho hörte auch auf mich – selbstverständlich – nur, wenn ihm danach war. Und obwohl ich für den Hund Verantwortung übertragen bekam (ob ich wollte oder nicht), hatte ich mich aus der „Erziehung“ sowie anderen Haltungsaspekte rauszuhalten!

Wie unfassbar arrogant, ignorant und rücksichtslos man sich einem Hund gegenüber zeigen kann, offenbarte sie schließlich am Silvestertag.

Hinweis: Gerade in vorhersehbaren Terrorzeiten wie Silvester und Fasching empfiehlt es sich, die Fütterungszeiten von Hunden so einzustellen, dass vorallem ‚große‘ Gassis weit vor dem Jahresfeuerwerk oder in ruhigen Phasen des Faschingstumultes gegangen werden können.

Verfügt der Mensch über souveräne Führungsqualitäten und sind die Tiere in der Spur, ist es – fast – kein Kunststück, sie auch zur Existentiellsten aller Ressourcen entspannt zusammen zu bringen.

La grande madame wusste dies natürlich besser! Sie fütterte ihren Hund mit den üblichen Portionen, zu den üblichen Zeiten und tat dann Abends ihren Unmut kund, dass man mit dem Hund nicht die übliche Route gehen könne, weil es überall schon anfing zu böllern. – Ach, ne?!

Der Hund habe Angst, sie auch und somit sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als den Lauf abzubrechen. – Sancho hatte sich noch nicht lösen können… Kurzerhand übernahm ich den Lauf und siehe -mal wieder- da: Auch wenn ihm die Athomsphäre nicht geheuer war, so lief der kleine-große Hundemann (in eine andere Richtung!) problemlos mit!

Ein weiteres „Highlight“, nicht mal ich brachte irgendwas Vergleichbares zu Gino 1-Zeiten… : während Madame Freundinnen zum Silvester-Dinner geladen hatte, wurden Sancho (auf Empfehlung der benachtbarten, „befreundeten“ Tierärztin im Haus) nur für diesen Abend drei Leck-Arsch-Tabletten eingeflösst, „um ihm den Streß zu erleichtern“. Dass ich einem meiner lärmempfindlichen Hunde bereits seit gut fünf Wochen Anti-Angst-Globuli verabreichte, wurde als überzogen belächelt.

Hinweis: Auch wenn das Arbeiten mit homöopathischen Mitteln aufwendiger / langwierigier ist und man als Halter mit ganzem Verstand bei der Sache sein muss, so laufen Tiere zumindest keine Gefahr, unter anderem Rektalblutungen zu erleiden, wie derartige Leck-Arsch-Tabletten verursachen können. Ebenso garantieren Leck-Arsch-Tabletten kein entspanntes Runterkommen. Der Hund bleibt bei vollem Bewusstsein in seinem Körper, mit seiner Angst, evtl. auch Panik gefangen. – Behandelt man so ein angeblich ach so geliebtes Familienmitglied? Den besten Freund, den man meint zu haben?

Im Lauf des Abends und der Nacht, meine Felle und ich hatte uns zu einem DVD-Marathon in unser Zimmer verkrochen, wusste Sancho nicht so wirklich wohin mit sich. Immer wieder kratzte er an unserer Tür, ich ließ ihn auch mal rein, doch er kam einfach nicht zur Ruhe, sodass ich ihn aus unserem Bereich wieder verbannen musste. Madame fühlte sich in ihrer glamourösen Rolle als Gastgeberin durch ihren Hund gestört und immer wieder war genervtes: Gib jetzt Ruhe, Sancho!, Jetzt hau endlich ab! oder Jetzt leg‘ dich endlich hin! zu hören, woraufhin wieder Kratzen an unserer Tür folgte. – Alles in Allem Horror für Sancho sowie eine hochgradige Belastung für uns.

Ich möchte behaupten, dass es allein meiner Umsicht zu verdanken war, dass vorallem für meine Katze (siehe: Hund & Katz‘) weiter keine Gefahr bestand, als „noch ein Hund“, wenn auch nur vorübergehend, in unser Leben kam.

Der ganze Zirkus war nur drei Monate zu ertragen!

Als es schließlich zum Auszug meinerseits kam, grätschte Madame dazwischen, indem sie immer wieder die Wohnungstür schloss, damit Sancho nicht abhauen konnte. Nach einer entsprechenden Ansage von mir, ließ sie die Tür schließlich auf ….

Statt mit Sancho allerdings eine ordentliche Runde zu drehen, wurde er mit der Leine ausgerechnet an dem Heizkörper im Wohnzimmer angebunden, wovon Sancho direktem Blick auf meine Auszugsaktion hatte! Selbst meiner Umzughilfe fiel auf, wie traurig Sanchos Blick war.