
Liebe Teams der Pfotenhilfe-Ungarn und des Tierschutz-Zentrums Swiss Ranch,
liebe Freunde und Unterstützer,
Lao Tze sagte: Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. – Sei es der Schritt mit einer Pfote „zu weit“ in eine Lebendfalle oder ein Schritt zum PC, um eigentlich nach ‚Lhasa Apsos in Not‘ zu schauen …
Ich bin Fiú (ungar.: Bub, Junge), meines Zeichens ein 1,5 bis 2-jähriger Terrier-Mix und befinde mich seit knapp vier Wochen in Süddeutschland.
Nachdem ich im Oktober ’20 buchstäblich in die Falle tappte, lebte ich erst mal einige Wochen in der staatlichen Auffangsstation in Tiszakécske, bevor ich im Januar ’21 ins Tierschutz-Zentrum von Gàbor und seinem Team kam.
Es hieß: in gut 1.000 Kilometer Entfernung gäbe es Jemand, der Sympathie für mich hegte und mir gerne die Chance auf ein gutes Hundeleben geben würde. Und das obwohl ich als sehr ängstlicher kleiner Kerl, der sich bei Bedrängnis nicht scheut, von „seinen Möglichkeiten“ Gebrauch zu machen (was ich innerhalb der ersten 20 Stunden dann auch 3x tat…) vorgestellt war. Im Tierschutz-Zentrum wurde ich auf Charakter, Verträglichkeit, Trainierbarkeit usw. gecheckt. Weil ich mich gut machte, dieser Jemand über mehr als Hunde-Grundwissen verfügte, durfte ich Anfang März mit auf die große Fahrt. Bis es soweit war, unterstützte mich dieser Jemand als Pate.
Fürs Protokoll: Ja, ich bin ein kleiner Hund! Ja, trotz meines löwenherzhaften Terriernaturells habe ich Angst vor nahezu Allem, das mir fremd ist – und das ist für einen Straßenhund so ziemlich Alles, womit man es in einem neuen Land, umgeben von neuen Lebewesen, in einer neuen Umgebung zu tun bekommt! Und Ja, ich brauche auch ein Stück weit meine Zeit, mich mit Neuem auseinandersetzen und vertraut machen zu dürfen! Ja, ich bin sooooo süüüüüüß. Ja, ich bin ja sooooo niiiiiiedlich. Aber Nein: Weder bin ich ein Schmuse-, noch ein Kuschelti(g)er. Zumindest noch nicht.
Bei der Abholung nur am Rand wahrgenommen, traf ich in meinem neuen Zuhause, so nennt man das glaub ich, auf besagte Jemand (nennen wir sie ‚Keinfell‘), die anfangs zwar etwas unsicher rüberkam, sich dann aber mit positiv-ruhiger Energie ihrer neuen Aufgabe – mich – zu stellen begann.
Nichts desto trotz, hatten wir in den ersten zwei Tagen im gegenseiten Umgang diverse „Verständigungs- sowie Handlingsprobleme“, welche jedoch Dank Hilfestellung von Gàbor, in Kombination des schwammhaften Interesses von Keinfell rasch beseitigt werden konnten. Obwohl Keinfell bereits vor vielen Jahren einen Angsthund ins und lange durchs Lebens geführt hatte, so sind wir doch alle verschieden.
Der Anfang vom Ende meines Angsthundlebens begann ganz offiziell damit, dass Gàbor Keinfell ans Herz legte, mir gegenüber „Arschloch“ zu sein und das Herz (noch mehr) aus zu schalten. – Fachlich korrekt nennt man es wohl Anti-Angst- bzw. Konfrontationstherapie: habe ich Probleme mit etwas Neuen (mit Keinfell, Situationen usw.), so seien das meine Probleme, welchen ich mich schlichtweg stellen müsste, um schließlich zu erkennen: So unangenehm ich Etwas anfangs auch empfinde, so beängstigend mir Etwas vorkommt, letzten Endes passiert mir doch nichts! Ganz im Gegenteil! Eben weil Keinfell da ist, auf mich aufpasst, mir jede wichtige Entscheidung abzunehmen weiß. Weil ihr klar ist, was für mich bzw. uns Sache ist und wo’s lang geht!
Natürlich gibt es noch jede Menge kleine Ängstlichkeiten, die es ans Tageslicht zu holen gilt, um sie beseitigen oder vielleicht auch nur lindern zu können. Doch bevor es an den „Feinschliff“ (bspw. zuverlässiger Gehorsam, um Freilauf zu genießen) geht, lässt mich Keinfell spüren, müssen erst einmal Vertrauen und Respekt zueinander, miteinander gefestigt sein. Neben dem souveränen, „herzlosen“ Auftreten von Keinfell, erhalte ich zusätzlich, zum Erreichen der mentalen Balance, eine stets angepasste Bach-Blüten-Therapie.
Nun, fast vier Wochen nach meinem Umzug – im weitestens Sinn – vom Balaton an den Bodensee, sind wir auf einem ganz guten Weg. Keinfell konnte sich sogar spontan mehr als drei Wochen Urlaub nehmen.

Unternehmungen, die genau genommen ja eigentlich Übungen und miteinander Arbeiten sind, sowie Chillouts halten sich soweit die Waage. Möchte ich bspw. keinen leeren Magen, muss ich mich „nur“ auf Keinfell einlassen, mich an ihr orientieren. Egal, ob das bedeutet, dass ich meine Komfortzone verlassen, durch die Wohnung laufen und dabei mein Futter einsammeln oder Draußen mit Aufmerksamkeit glänzen muss: beim Spazierengehen meinen neuen Namen erkennen, auf Ruf zu ihr zu kommen, um meine Kekse zu erhalten und so weiter und so fort. – Geschenkt wird mir ach so armen, kleinen, gebeutelten Straßenhund hier nichts! Und das ist (glaub ich) ganz gut so.

Die Bilder dürften für sich, respektive uns sprechen: Artgenossen finde ich megatoll. Außer meinem Keinfell und das meines ersten Freundes hier, sind mir die anderen noch sehr suspekt. Vorallem wenn sie sich mir, bedrohlich von vorne und oben kommend, mit Alarmtonstimme zuwenden wollen. Keinfell hat’s aber echt drauf, mir diese von meinem kleinen Hals zu halten! Egal, ob sie sich damit beliebt macht oder nicht, sie schützt mich auch vor nicht ganz so freundlichen Artgenossen sowie nervigen Keinfelle, indem sie den Kontakt zu mir schlichtweg verbietet. – /Ihr Hund, ihre Regeln, unser Leben!/

Es macht Spaß zu laufen, auf Erkundungs- und Entdeckungstouren zu gehen, zeitweise inne zu halten, den Moment auf sich wirken zu lassen und tatsächlich einfach sein zu dürfen.
Keinfell gefällt besonders, dass ich (im Vergleich zu ihrem ersten Angsthund von der Straße) nicht verfressen und damit auch kein „Staubsauger“ bin.
Auch lebe ich – noch? – nicht den Terrier in mir aus. Ok, vielleicht ist meine Nase etwas erd-magnetischer als andere Hundenasen, trotzdem bleib ich für Keinfell mittlerweile weitestgehend auf Empfang. Alles andere wäre wohl auch nicht so ratsam, von wegen Futter und so…. Weil ich zudem so gerne mit dem Bauch am Boden entlang krabble, egal ob morgens wenn wir wach werden oder draußen im Gras, habe ich mir auch schon einen Spitznamen eingefangen: Krabbe.
Obwohl es schon sehr entspannt und „zusammen“ aussieht, haben wir noch einen weiten, sicher auch mal holprigen Weg, mit so machem Rückschlag, doch bestimmt mehr Erfolgen vor uns.
Keinfell ist sich darüber im Klaren, dass es (wie mit ihrem ersten Angsthund) mitunter ein gutes Jahr dauern kann, bis mein Vertrauens-Groschen ihr gegenüber endgültig fällt. Gebt uns „ein paar Tage mehr“, denn dieses Mal steht ihr kein Seelenhund mehr zur Verfügung, der mich mit anleitet. Dieses Mal muss Keinfell ganz viel alleine hinbekommen.
Bis dahin machen wir aus allem das Beste und zugleich Entspannteste.
Euch wünschen wir von Herz und Pfote alles erdenklich Gute!
Achtet (auf) Euch und habt ein tolles, vor allem langes, gemeinsames Leben!
Herzliche Grüße vom Bodensee,
Fiù und sein Keinfell